Das Produktivitätsparadoxon der Digitalisierung

Seit 1850 hat sich das reale Pro-Kopf-Einkommen in Deutschland ungefähr verzwanzigfacht. Dies ist das Ergebnis einer kontinuierlich steigenden Produktivität. Wäre die Produktivität nur konstant geblieben, wäre das Resultat eine weniger beeindruckende Verdopplung des realen Pro-Kopf-Einkommens herausgesprungen. Wir würden dann nicht mehr verdienen als 1900.

Warum ist aber die Produktivität gestiegen? 

Die Antwort: Aufgrund des technologischen Fortschritts im Bereich der Industrialisierung. Die Fortschritte in der verarbeitenden Industrie sorgen bis heute dafür, dass immer weniger Menschen immer mehr Produkte herstellen. 

Darauf aufbauend ist es heute auch die Überzeugung vieler Menschen und Unternehmen, dass auch die Informationstechnologie (IT) die Produktivität erhöht

Tatsächlich ist gerade das jedoch unklar! 

Das Produktivitätsparadoxon

1987, zu einem Zeitpunkt zu dem Informationstechnologie in Unternehmen schon viele Jahre eingesetzt wurde, bemerkte der amerikanische Ökonom Robert Solow, dass Milliardeninvestitionen in Hardware und Software in den amtlichen Wirtschaftsdaten der USA nicht erkennbar waren, man könnte sagen unsichtbar waren: „Sie können das Computerzeitalter überall sehen, außer in der Produktivitätsstatistik.“ Bis heute ist seine Erkenntnis unter dem Begriff Solow’sches Produktivitätsparadoxon bekannt. 

Für das Solow’sche Produktivitätsparadoxon gibt es gemeinhin drei Erklärungsansätze:

  • Produktivitätswachstum existiert nicht und ist zukünftig auch nicht zu erwarten. Zur Begründung schreibt Robert Gordon in seinem Buch “The Rise and Fall of American Growth”: Frühere industrielle Revolutionen haben zu gravierenden Veränderungen in vielen Technologiefeldern geführt. Auch menschliches Konsumverhalten und Lebensweisen haben sich radikal verändert. Ähnliche Auswirkungen der Digitalisierung sind bisher kaum erkennbar – und auch nicht zu erwarten.  

  • Produktivitätswachstum existiert schon heute, ist aber unsichtbar. Dazu schreiben Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee in ihrem 2014 erschienen Buch „The Second Machine Age“: Digitale Güter, die keinen Preis haben, untergraben die Aussagekraft der Produktivität als Wohlstandsindikator. Insbesondere fällt durch digitale Güter ein wachsender Anteil des realen Werts, der in unserer Wirtschaft geschaffen wird, aus jeder amtlichen Statistik heraus. Wir sehen nur das, was heutige statistische Erhebungs- und Messverfahren zu erfassen in der Lage sind. Für klassische Industriegüter mag das funktionieren, nicht jedoch für vollständig oder teilweise digitale Güter.

  • Produktivitätswachstum ist in der Zukunft zum erwarten. Hier kann mit einer Analogie argumentiert werden. Elektrizität wurde erst Ende der 1890er Jahre in amerikanischen Fabriken eingeführt. Doch erst mehr als 20 Jahre später hat sich die Arbeitsproduktivität nennenswert erhöht. 

Es ist also nicht so einfach! 

Warum Informationstechnologie einfach anders funktioniert zeigt auch Ulf Froitzheim in seinem spannenden Artikel „Macht uns die Digitalisierung produktiver?“ (Lesetipp!). 

Was ist Produktivität überhaupt?

Produktivität bezeichnet die Arbeitsproduktivität auf Stundenbasis oder auch Bruttowertschöpfung. Die Produktivität wird zumeist für ein einzelnes Unternehmen berechnet und ergibt sich, vereinfacht gesprochen, aus dem erzielten Umsatz minus den von einem Unternehmen bezogenen Vorleistungen, was dann wiederum zu den benötigten Beschäftigungsstunden in Beziehung gesetzt wird. 

Das sagen Studien!

Die Studie „Solving the Productivity Puzzle: The Role of Demand and the Promise of Digitization” des McKinsey Global Institute (MGI) zeigt: Das Produktivitätswachstum in hochentwickelten Volkswirtschaften verharrt auf niedrigem Niveau. Weltweit erreicht es derzeit nur 1%. Deutschland liegt mit 0,9% Produktivitätswachstum im Mittelfeld. Großbritannien und die USA haben sogar geringeres Produktivitätswachstum als noch zu Beginn des Jahrtausends. 

Eine Umfrage des Fraunhofer IAO zeigt, dass bei digital reifen Unternehmen, klare Produktivitätsvorteile zu beobachten sind. Je höher der Digitalisierungsgrad desto produktiver das Unternehmen. Es handelt sich aber nur um eine Umfrage, weniger um eine Studie. Die statistische Signifikanz dieser Untersuchung ist unklar.  

Eine andere Studie mit Fokus auf den Maschinenbau vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim und dem Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe kommt dagegen zu dem Ergebnis, dass die Produktivität im Maschinenbau noch immer nicht das Niveau vor der Wirtschaftskrise von 2009 erreicht hat. Seit 2011 ist sie sogar zurückgegangen. Trotz Digitalisierung! 

Was bedeutet das?

Im lesenswerten Beitrag „Dialektik der Digitalisierung“ im Blog der Bertelsmann Stiftung heißt es dazu treffend: „Derzeit stehen zwei diametral entgegengesetzte Zukunftsszenarien im Raum. Das pessimistische Lager sieht alternde Gesellschaften in einem Zustand der säkularen Stagnation gefangen. Und tatsächlich läuft dieser Motor des Wohlstands immer langsamer, besonders in Deutschland. So wuchs die Produktivität in den 1960er-Jahren noch um knapp vier Prozent jährlich, aber seit 2000 ist die Rate auf unter ein Prozent gerutscht. […] Eine fundamentale Theorie der säkularen Stagnation vertritt der US-Ökonom Robert Gordon. Er attestiert heutigen Innovationen eine geringere Durchschlagskraft als früheren. Die Glühbirne oder die Dampfmaschine hätten die Wirtschaft eben viel umfassender verändert als das Internet. Überhaupt würden bahnbrechende Erfindungen immer seltener, weil alle niedrig hängenden Früchte schon gepflückt seien. […] Das sieht das optimistische Lager völlig anders. Es erkennt das schwache Wachstum der jüngeren Vergangenheit zwar an. Doch schon bald werde sich alles ändern: Die Digitalisierung brauche nur noch etwas Zeit, um ihre Wirkung zu entfalten. Dann sei ihr Potenzial aber nahezu unbegrenzt. […] Woher die Konsumenten dann Einkommen beziehen sollen, dazu schweigt zwar mancher Prophet. Aber im Hinblick auf die Produktivität stehe ein goldenes Zeitalter quasi unmittelbar bevor.

Was die Zukunft bringt werden wir sehen!

Fazit

Unbestritten ist: Dass es uns Menschen heute besser geht als früher, haben wir im Wesentlichen dem technischen Fortschritt zu verdanken. Wie gut es uns (über-)morgen gehen wird, hängt deswegen auch maßgeblich vom weiteren technologischen Fortschritt ab. Nicht auf die Digitalisierung zu setzen wäre sträflich. Die Lösung des Solow’schen Produktivitätsparadoxon KANN und MUSS in einer fortschreitenden Digitalisierung liegen – und in der Beobachtung der entstehenden volkswirtschaftlichen Auswirkungen. Es gibt an dieser Stelle keinen Plan B.

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