Digitalisierung MADE IN CHINA

Das Bild, das wir in Deutschland von China haben, ist klar: Für eine große Mehrheit der Deutschen steht China vor allem für Massenproduktion. Nur wenige erwarten aus China innovative Produkte. Gerade im Bereich der Digitalisierung ist China – neben den USA und Israel – heute aber weltweiter Innovationsführer. Es ist deswegen für Deutschland dringend geboten, dass eigene Bild von China zu hinterfragen. Zwar wird nicht jede chinesische Digitalinnovation mit unserem Werteverständnis und unseren Grundrechten vereinbar sein. Stichwort Datenschutz. Stichwort Freiheitsrechte. Die digitale Innovationskraft Chinas zu unterschätzen ist aber ein Kardinalsfehler, der sich für die deutsche Gesellschaft und Wirtschaft schon bald rächen kann. Das ist in der Digitalisierung ein wenig wie beim Diesel. Wir diskutieren über Feinstaub und Stickoxide und die Aufstellorte von Messstationen, während überall anders in der Welt, natürlich v. a. in den USA und in China, längst harte Fakten geschaffen werden (der Diesel ist tot!). Wir müssen uns dringend klar machen: Schon heute spielt China in einer völlig anderen Liga als Deutschland! Und das ist für den an seine eigene Innovationskraft glaubenden Industrie- und Innovationsstandort Deutschland brandgefährlich.

Der deutsche Bundespräsident Frank-Walther Steinmeier hat schon recht, was er auf seiner China-Reise Ende 2018 sagt: „Manchmal, auch das ist wahr, überkommt die Deutschen dabei ein etwas mulmiges Gefühl. Was hier geschieht, verändert nicht nur China – es verändert die ganze Welt. Wir haben in Deutschland lange erwartet, dass China uns im Westen immer ähnlicher wird auf seinem Weg zu Wohlstand, Marktwirtschaft und gesellschaftlicher und internationaler Öffnung. Dass der chinesische Pfad eines Tages auf unseren Weg einmündet, den wir für historisch so zwingend vorgezeichnet hielten: den der liberalen Demokratie. Die Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Auch deshalb sind wir besorgt und beunruhigt, wo immer persönliche Freiheiten eingeschränkt werden – ich ahne, dass das in China als belehrend oder einmischend empfunden wird – ich will aber dafür werben, dass hinter unseren Haltungen eine Erfahrung steckt, die nicht nur Deutschland tief geprägt hat.“ Das Problem: China treibt seinen digitalen Weg so konsequent und kompromisslos voran, dass das vom Bundespräsidenten angesprochene mulmige Gefühl durchaus berechtigt ist.Der Hinweis auf die Einschränkung persönlicher Freiheiten und die damit einhergehenden Konsequenzen wird China jedoch nicht aufhalten. Ob wir das wollen oder nicht. 

Tatsächlich müssen wir uns immer klar machen: 

Die Musik spielt in China! In Asien!

Mitte des Jahres 2018 lebten rund 4,54 Milliarden Menschen in Asien – bei insgesamt gut 7,6 Milliarden Menschen auf der Erde insgesamt. Das heißt: 60% der Weltbevölkerung leben in Asien! 60%! Wir in Europa vergessen dies oft und verstehen uns als Nabel der Welt! Und orientieren uns an uns selbst! An der Welt, wie wir sie kennen! Das Gegenteil sollte der Fall sein! Auch wenn wir es nicht wahr haben wollen: Unsere europäischen Bevölkerungen altern dramatisch. Unsere Wirtschaftsleistung muss von immer weniger arbeitenden Menschen erbracht werden. Der Fachkräftemangel nimmt schon heute desaströse Ausmaße an.

Anders in China und Asien. Vorteilhaft ist insbesondere die günstige demografische Struktur vieler asiatischer Bevölkerungen. Zwar flaut auch in China aufgrund der früheren Ein-Kind-Politik das Bevölkerungswachstum langsam aber sicher ab. Trotzdem sind auch im Jahr 2017 noch knapp 20 Prozent der Bevölkerung Chinas jünger als 15 Jahre alt. Ähnlich ist es in vielen anderen asiatischen Ländern. Beispiel Vietnam: Die Bevölkerungszahl beträgt Schätzungen zufolge um die 95 Millionen. Landesweit sind ungefähr 25% der Menschen jünger als 25 Jahre.

Hier kommt was nach! 

Junge Menschen! 

Menschen, die von Kindesstatt an mit der Digitalisierung aufwachsen! 

Menschen, die die digitale Zukunft ihrer Länder mitgestalten können! Und wollen! 

Und die mittlerweile auch die Fähigkeiten dazu mitbringen: In Mathematik. In Informatik

Konfuzius sagt: Privatsphäre ist schlecht!

Aber auch das politische System ist in China ein idealer Nährboden für eine hemmungslose und unkritische Digitalisierung. Die Meinungsfreiheitist eingeschränkt. Ebenso die Pressefreiheit. Eine selbstbewusste und ihre Rechte offensiv einfordernde und vertretende Zivilgesellschaft ist nahezu unbekannt. Gesellschaftliche Debatten – egal zu welchen Themen – finden kaum statt. Auch nicht zu im Kontext der Digitalisierung besonders kritischen Themen, zum Beispiel dem Umgang mit personenbezogenen Daten

Tatsächlich sehen die Chinesen (nicht alle, aber die allermeisten!) gerade den Umgang mit personenbezogenen Daten wenig kritisch. Das Wort „Privatsphäre“ weckt in China sogar negative Assoziationen. Der Grund ist einfach: Die in China seit mehr als 2000 Jahren gelebte konfuzianische Kultur betont sehr stark intensive zwischenmenschliche Beziehungen. Letztere wiederum werden durch Transparenz und vollständige Offenheit nachhaltig gestärkt. Alles das, was Geheimhaltung und Privatsphäre erfordert, ist in der Regel deswegen verpönt, ja wird geradezu abgelehnt. Privatsphäre ist gleichbedeutend mit schmutzigen Geheimnissen. Zugespitzt formuliert: Privatheit einzufordern heißt für Chinesen unsozial zu sein.

Das macht sich auch die chinesische Staatsführung zunutze. 

Tatsächlich gilt:  

Die chinesische Staatsführung liebt die Digitalisierung

Der Journalist Kai Strittmaier fasst es in einem Interview mit dem Deutschlandfunk gut zusammen: „Die kommunistische Partei liebt das Internet, sie liebt die künstliche Intelligenz, sie liebt die Digitalisierung. Sie stürzt sich mit einer Wucht  und Leidenschaft in diese Digitalisierung, wie wir sie nirgendwo auf der Welt gesehen haben.“ Der Grund ist einfach: Die Digitalisierung bietet die einmalige Möglichkeit, die eigenen Staatsangehörigen lückenlos und nahezu total zu überwachen – eine verlockende Perspektive, umso mehr desto autokratischer politische Systeme sind

Orwell wird in China zur Realität!

Ab 2020 soll jeder chinesische Bürger ein Punktekonto erhalten, über welches vorbildliches Verhalten mit sozialen Bonuspunkten (Social Credits) belohnt, aber auch aus Sicht des Staates nicht wünschenswertes Vergehen mit Punktabzügen bestraft werden soll. Der eigene Punktestand kann über eine eigene App abgefragt werden. 

Abhängig vom Punktestand erhalten Bürger dann bestimmte Vorteile, z. B. eine schnellere Behandlung in Krankenhäusern, Zugang zu knappen Bildungsangeboten  oder Bevorzugungen bei der Vergabe von Fahrlizenzen. Bestrafungen können sein: Einschränkungen bei der Nutzung von Autobahnen und Hochgeschwindigkeitszügen, schlechtere Kreditkonditionen beim Kauf von Immobilien oder Nachteile bei der Schulauswahl für die eigenen Kinder. 

Sehr niedrige Kontostände führen letztlich zum Jobverlust und zur sozialen Isolation. Krass auch: Familienangehörige oder Freunde mit niedrigem Punktekonto lassen ohne eigenes Zutun auch den eigenen Kontostand sinken. Das bedeutet genau genommen die Rückkehr der Sippenhaft. Eltern haften für ihre Kinder. Kinder haften für ihre Eltern. Auch dies zielt letztlich wieder auf das konfuzianische Lebensverständnis ab. Die chinesische Gesellschaft soll sich durch die umfassende Überwachung und Bewertung letztlich selbst regulieren – ausgehend von der eigenen Familie. Am Ende aber natürlich immer im Sinne der Werte und Auffassungen des Staates. 

Datenquellen anhand der soziale Bonuspunkten vergeben oder abgezogen werden sind: 

  • Krankenakten
  • Gerichtsakten
  • Surfverhalten im Internet
  • Beiträge in sozialen Netzwerken 
  • Einkäufe mit Kreditkarte oder Bezahl-Apps
  • Freizeitaktivitäten (z. B. Fitnesskurse)
  • Reisen und Reisepläne

Möglichst viele Handlungen sollen aufgenommen, analysiert und beurteilt werden. 

Das dies manchmal auch an unerwarteten Stellen passiert zeigt die Digitalisierung chinesischer Schuluniformen. In einigen Schulen in China werden neuerdings Schuluniformen digital mit Kontrollinstrumenten von Eltern und Schulen vernetzt. Über zwei in die Kleidung eingenähte Chips wird u. A. permanent der Standort eines Schülers erfasst. So ist transparent, wann der Schüler die Schule betritt oder verlässt. 

China: Dörfer mit E-Commerce | ARTE Reportage

Video: China – Dörfer mit E-Commerce | ARTE Reportage.

Künstliche Intelligenz: Klotzen, nicht kleckern!

Besondere Aufmerksamkeit genießt in China die Künstliche Intelligenz (KI). Auslöser war der Sieg von AlphaGo, einer KI-Software, über den Weltmeister im Go, dem Nationalspiel Chinas. Dass eine Maschine gegen einen Menschen in Go gewinnt war bis vor kurzem undenkbar: Es gibt mehr mögliche Spielkombinationen als Atome im Universum. Kein heutiger Computer ist in der Lage, aus jeder Go-Position alle möglichen Anschlusszüge und ihre Weiterungen durchzurechnen. Gerade deshalb galt das Spiel noch Anfang 2016 als eine der Aufgaben, an denen Computer scheitern würden. AlphaGo, ein KI-Programm von Google, hat die Welt und insbesondere die Chinesen, eines Besseren belehrt.

Die Entwicklung von KI wird seither vom Staat mit gigantischen Investitionsprogrammen gefördert.  So stellte allein die Stadt Peking zuletzt über 2 Mrd. US-Dollar zur Verfügung. Shanghai und viele andere chinesische Städte haben ähnliche Programme. Die Stadt Tianjin hat sogar angekündigt, einen 16 Mrd. US-Dollar-Fonds aufzusetzen. Dazu kommen umfangreiche Investitionsprogramme, um KI-Ingenieure und -Experten auszubilden, staatliche Zuschüsse für KI-Unternehmer und steuerliche Vorteile für die KI-Firmen. Das Gesamtvolumen chinesischer Investments (privat und staatlich) in KI und Robotik beträgt bereits schätzungsweise 300 Mrd. US DollarZum Vergleich: Auch Deutschland will zum Innovationsführer im Bereich der KI werden – und stellt dazu finanzielle Mittel von 500 Millionen Euro zur Verfügung. 

Eine der wenigen digitalen Schlüsseltechnologien, die in China seitens des Staates sehr kritisch gesehen wird ist die Blockchain-Technologie. Der Grund ist einfach: Die Dezentralität und damit verbundene schwierige Kontrollierbarkeit der Blockchain ist aus Sicht der autoritären chinesischen Staatsführung natürlich ein echtes Manko. Trotzdem entwickeln große chinesische Technologiekonzerne wie Baidu, Tencent und JD auch Blockchain-Lösungen, z. B. für das Management von Lieferketten oder die Abwicklung von Bezahlvorgängen.

Bezahlen in China: It’s all about WeChat 

Was Bezahlvorgänge anbelangt kommt in China eine besondere Rolle auch der App WeChat zu, entwickelt vom chinesischen Internetgiganten Tencent. WeChat ist ähnlich wie WhatsApp ein Messaging-Dienst, der aber viele weitere Funktionen mitbringt. Und der eben auch Zahlungsvorgänge via Smartphone unterstützt. Tatsächlich ist es in China in immer mehr Geschäften nicht mehr möglich mit Kreditkarten oder bar zu bezahlen. Akzeptiert werden stattdessen nur noch mobile Bezahlungen via Handy.

Belief sich Zahl der monatlich aktiven Nutzer von WeChat 2011 noch auf 2,8 Millionen, stieg diese Zahl bis zum 2. Quartal 2018 auf über 1,05 Milliarden. WeChat ist heute, was die Nutzerzahlen anbelangt, das fünfgrößte soziale Netzwerk der Welt. Auf über 75% aller chinesischen Smartphones ist WeChat installiert. 98,5% aller Chinesen zwischen 50 und 80 nutzen WeChat. Spektakulär sind insbesondere die Zahlen zu den Zahlvorgängen: Allein in den fünf Tagen des chinesischen Neujahrsfestes 2017 wurden über WeChat über 45 Milliarden Transaktionen abgewickelt. Zum Vergleich: PayPal als globaler Finanzdienstleister hat im gesamten Jahr 2017 „nur“ 7,6 Milliarden Transaktionen abgewickelt. 

Aber auch andere Bezahllösungen sind vielgenutzt, z. B. Alipay. Während der amerikanische Kreditkartenanbieter VISA in einer Sekunde 25.000 Zahlungen verarbeiteten kann, sind es beim chinesischen Alipay-System doppelt so viele Zahlvorgänge pro Sekunde.

Gearbeitet wird in China aber auch an Smartphone-unabhängigen Bezahlverfahren, z. B. auf Basis von Gesichtserkennung. So gibt es in China bereits Supermärkte, bei denen nach dem Einkauf bargeldlos per Gesichtserkennung bezahlt werden kann. Auch in Fast Food Restaurants wird mit Bezahlung per Gesichtserkennung experimentiert. 

Fazit 

Im Bereich der Digitalisierung ist China – neben den USA und Israel – weltweiter Innovationsführer. Zwar ist nicht jede chinesische Digitalinnovation mit unserem europäischen Werteverständnis und unseren Grundrechten vereinbar sein. Die digitale Innovationskraft Chinas zu unterschätzen ist aber ein Kardinalsfehler, der sich für die deutsche Gesellschaft und Wirtschaft schon bald rächen kann. Schon heute spielt China in einer völlig anderen Liga als Deutschland! Und das ist für den an seine eigene Innovationskraft glaubenden Industrie- und Innovationsstandort Deutschland brandgefährlich.

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