Ereignishorizont-Digitalisierung-China-Familienleben

Digitales Familienleben in China

Dass die Volksrepublik China oftmals als das Land der digitalen Revolution bezeichnet wird, sagt bereits viel über die aktuelle Rolle von digitalen Medien innerhalb des Landes aus. Chinas digitale Internetlandschaft entwickelt sich weiter und wächst stetig – in städtischen Regionen jedoch weitaus mehr als auf dem Land. Von allen Internetnutzern Chinas stammen fast drei Viertel (73,3 %) aus städtischen Regionen, Nutzer auf dem Land machen hingegen nur 26,7 % aus. Unter den technologischen Geräten sind vor allem mobile Geräte sehr häufig in Gebrauch: 98,6 % aller Internetnutzer sind Ende 2018 bereits mit mobilen Devices online gegangen [1]. 

Generell erkennt man am Beispiel China sehr eindeutig, wie enorm digitale Medien und Technologien im Alltag an Bedeutung gewinnen. Während die Nutzungszeit von traditionellen Medien wie TV, Radio oder dem Lesen von Printartikeln pro Tag bei chinesischen Erwachsenen immer weiter sinkt, steigt die Nutzung digitaler Medien immer weiter und immer steiler an. Im Jahr 2019 verbringen Erwachsene in China demnach täglich 6 Stunden und 39 Minuten mit Medien, davon 3 Stunden und 54 Minuten mit digitalen Medien [2]. 

Unsere digitale Zukunft | Weltspiegel Reportage

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Mediennutzung chinesischer Kinder

Um einen Einblick in die Nutzung digitaler Geräte und Apps von chinesischen Kindern zu erhalten, eignet sich eine von der Medienagentur Wavemaker durchgeführte Studie „Digital Children in China Whitepaper“, bei der 2.076 6- bis 15-jährige chinesische Kinder und ihre Mütter befragt wurden. Die meisten Eltern der befragten Kinder bilden die erste Generation der Ein-Kind-Politik, die 1978 ins Leben gerufen wurde. Darüber hinaus sind ihre Kinder die letzte Generation, die unter der Ein-Kind-Politik, welche mittlerweile zu einer Zwei-Kind-Politik ausgeweitet wurde, geboren wurden. Die Nutzungsraten digitaler Geräte sind hier meist sehr hoch, allerdings gehören viele der in der Familie genutzten Geräte nicht den Kindern selbst. 84 % der 6- bis 15-Jährigen sind Smartphone-Nutzer, jedoch besitzt davon nur die Hälfte (42 %) ein eigenes Gerät. Ähnlich ist es bei der Nutzung von Tablets: Von 30 % der dieses Gerät nutzenden Kinder besitzen 16 % ein eigenes. Im Haushalt zur Verfügung stehende Computer sind am seltensten im Besitz des Kindes (37 % Nutzung, 5 % Eigentum) [3, S. 9ff.]. 

Obwohl also nicht alle Kinder eigene Geräte besitzen, entwickelt sich ihre Selbstständigkeit im familiären Alltagsumgang mit den digitalen Geräten eher schnell. Bereits ab einem Alter von etwa drei Jahren beginnen manche Kinder mit der Nutzung von im asiatischen Raum beliebten Messengern wie WeChat oder QQ. Mit zunehmendem Alter nimmt auch die Nutzung dieser Apps zu: Jedes zehnte siebenjährige Kind nutzt bereits WeChat oder QQ, bei Kindern im Alter von 12 Jahren sind es bereits 70 % [4]. Unter Jugendlichen sind die Messenger-Apps so beliebt, dass viele 13- bis 14-jährige Kinder diese sogar einer persönlichen Kommunikation bevorzugen. In diesem Alter ist die Hälfte der chinesischen Jugendlichen in verschiedenen Chat-Gruppen aktiv, mehr als die Hälfte von ihnen gibt sogar an, im Internet Freundschaften mit Fremden geschlossen zu haben [5, S. 12]. Im Familienalltag haben unter den siebenjährigen Kindern bereits über 60 % selbstständig digitale Spiele, Videos oder Musik heruntergeladen. 8,5 % haben bereits online eingekauft, während rund 15 % von ihnen Bilder, Videos oder Texte im Internet veröffentlicht haben. Etwa jedes zwanzigste Kind gibt sogar an, im Internet bzw. in sozialen Netzwerken seine eigenen „Fans“ zu haben. Im Alter von 14 Jahren überholen die meisten chinesischen „Digital Natives“ ihre Eltern, was digitale Fähigkeiten und Kenntnisse anbelangt [4]. 

Da die Kinder in der Familie meist den gleichen Zugang zum Internet wie ihre Eltern haben, verschwimmen die Grenzen zwischen den elterlichen und den kindlichen Interessen bei der Nutzung digitaler Endgeräte. An erster Stelle steht bei chinesischen Kindern die soziale Interaktion. Fast 74 % der Grundschüler und 94 % der Schüler, die die Middle School besuchen, interagieren regelmäßig mit Freunden und der Familie über Instant Messaging-Anwendungen, welche in China die am weitesten verbreiteten Social Media-Anwendungen darstellen. An zweiter Stelle steht Online-Entertainment: Rund 65 % der Grundschulkinder spielen in ihrer Freizeit Internet-Spiele, schauen sich im Netz Videos an und hören online Musik. Bei den Nutzern der Schüler der Mittelstufe liegt der Anteil bei über 70 %. Viele Eltern gewähren ihren Kindern für diese Zwecke eine gewisse extra Online-Surfzeit als zusätzliche Belohnung, wenn sie in der Schule gut abschneiden [6]. 

Endgeräte

In einer typischen chinesischen Familie gibt es mehr Smartphones als sonstige Geräte und Medien. Circa drei Smartphones findet man pro Haushalt – was in Familien der Ein-Kind-Politik bedeutet, dass jedes Familienmitglied stets ein Smartphone für sich nutzen kann. Neben ca. 1,5 Fernsehgeräten gibt es in chinesischen Haushalten mindestens einen PC bzw. Laptop. 66 % besitzen ein Tablet, etwas mehr als die Hälfte aller Familien bieten dem Kind ein spezielles Lern-Tablet. Erst im Jahr 2015 wurde das landesweite Verbot von Spielekonsolen in China aufgehoben, was erklärt, dass es aktuell nur in etwa jeder zehnten chinesischen Familie eine solche Konsole gibt. Spielkonsolen wurden erstmals im Jahr 2000 verboten, weil befürchtet wurde, dass die Geräte und die damit produzierten 3D-Welten negative Auswirkungen auf die geistige und körperliche Entwicklung von Kindern haben könnten [7]. 

Chinas mediale Gegenwelt | Doku | ARTE

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Nutzungsdauer

Die Zeit, die chinesische Kinder im Familienalltag mit digitalen Medien und Geräten verbringen, variiert dem Alter entsprechend. Für die Altersgruppe der jüngeren Kinder wurde 2017 eine Studie an knapp 2.000 chinesischen Kindern im Alter von drei bis sieben Jahren durchgeführt. Anhand der Ergebnisse lässt sich feststellen, dass mehr als 99 % aller Kinder digitale Geräte in der Familie verwenden. Die durchschnittliche Zeit, die Kinder zuhause vor Bildschirmen verbringen, beträgt an Wochentagen etwas über eine Stunde, am Wochenende sind es eineinhalb Stunden. Ungefähr jedes siebte Kind überschreitet werktags 2 Stunden Bildschirmzeit, während jedes vierte an Wochenenden 2 Stunden pro Tag überschreitet. In diesem Alter ist der Fernseher noch das meistgenutzte Gerät, gefolgt von Smartphones, Tablets und Früherziehungstablets. Auch anhand folgender Erkenntnis lässt sich verdeutlichen, wie präsent Smartphones in chinesischen Familien sind: Obwohl ein relativ großer Teil der befragten Kinder im Familienalltag nie Computer, Bildungstablets (je 47 %), Tablets (39 %) und vor allem nie Spielekonsolen (91 %) verwendet, geben nur ca. 9 % an, keine Smartphones im Familienalltag zu nutzen. Smartphones und Tablets sind demnach die digitalen Geräte, die Kindern in der Familie am häufigsten zur Verfügung stehen. Sind diese Geräte in Familien vorhanden, verbringen die Kinder mit Ausnahme des Fernsehers damit mehr Zeit als mit anderen Medien [8, S. 84]. 

Um auch die Screentime Jugendlicher betrachten zu können, eignet sich eine 2018 durchgeführte Studie des Journals BMC Public Health, für welche etwas mehr als 1.000 chinesische Schüler im Alter von 8 bis 19 Jahren bezüglich der in der Familie genutzten Geräte befragt wurden. Kinder dieser Altersgruppe verbrachten an Wochentagen zum Zeitpunkt der Studie ungefähr zweieinhalb Stunden vor Bildschirmmedien, an Wochenendtagen wurden im Durchschnitt sechseinhalb Stunden angegeben. Betrachtet man die einzelnen genutzten Geräte, so fällt hier auf, dass die Nutzungszeit von mobilen Geräten die Nutzungszeit von Fernsehgeräten überschritten hat. Werktags nutzen die Kinder und Jugendlichen für ungefähr 42 Minuten lang Smartphones und Tablets, an freien Tagen sogar fast drei Stunden lang. Hingegen sehen sich die Befragten an Wochentagen nur etwa eine halbe Stunde, und am Wochenende 2 Stunden lang Inhalte im Fernsehen an. In der Primary School, die die Kinder ungefähr vom sechsten bis zum zwölften Lebensjahr besuchen, dominiert dabei noch der Medienkonsum mit dem Fernsehgerät Im Jugendlichenalter, also ungefähr mit dem Wechsel in die Junior School (12 bis 15 Jahre), gewinnen dann digitale Geräte wie das Smartphone und das Tablet deutlich an Bedeutung [9, 10]. Auch der Eigenbesitz der Smartphones wächst stetig: Während etwa 39 % der Kinder zwischen neun und zehn Jahren ein eigenes Smartphone besitzen, steigt diese Rate bei 13- bis 14-Jährigen auf 78 % an [10, S. 13f.]. Insgesamt nimmt bei Jugendlichen in der Senior School (15 bis 18 Jahre) die Nutzung des Fernsehgerätes noch mehr ab, jedoch verringert sich auch die generelle Screentime. Das liegt vor allem daran, dass auf chinesische Schüler der Oberstufe mehr Druck bezüglich des kommenden Studiums und den Aufnahmeprüfungen ausgeübt wird, als es in der westlichen Kultur der Fall ist. Ab hier nimmt die Nutzung digitaler Medien für Schüler also nur noch eine zweitrangige Bedeutung ein, da mehr Aufmerksamkeit und Zeit für die Vorbereitung auf das Studium aufgewendet wird [9, 10].

Eltern-Kind-Kommunikation

Für familiären Austausch ist vor allem WeChat in China ein wichtiger Kommunikationskanal. Die berühmte App, die als simpler Messenger startete, hat mittlerweile unzählige weitere Funktionen wie Bezahlmöglichkeiten, In-App-Apps, -Spiele, Vermögensverwaltung und vieles mehr. Immer mehr Eltern verbinden sich über Social Media mit ihren Kindern, um trotz geografischer Distanz ein Gefühl des Zusammenseins zu erfahren. Im familiären Kontext werden Apps wie WeChat hauptsächlich zum Versenden von Sofortnachrichten und Videos über alltägliche Kleinigkeiten genutzt, was die elterliche Sorge um die Kinder reduziert [11, S. 150]. Obwohl chinesische Eltern von den heute existierenden Kommunikationsmöglichkeiten begeistert sind und die App WeChat wie bereits erwähnt in den meisten Fällen selbst verwenden, ist die elterliche Nutzung der App im Vergleich zu ihren „Digital Natives“ beschränkt. Einigen Eltern sind zudem nicht alle WeChat-Funktionen bekannt, einige versenden sogenannte „Fake News“ aufgrund mangelnder Kenntnis an ihre Kinder weiter. Chinesische Eltern bezeichnen digitale Medien wie WeChat als besonderen und interessanten Output des Internetzeitalters und sind sich der Bedeutung für Kinder und Jugendliche bewusst. Sie teilen jedoch nicht das gleiche Gefühl der Zugehörigkeit zu digitalen Medien wie ihre Kinder. Unter den für den Bericht „New Media and Chinese Society“ befragten Eltern gaben alle zu, dass ihr Kind eine der treibenden Kräfte gewesen sei, die sie dazu brachten, sich den Umgang mit WeChat anzueignen [12, S. 199ff.]. 

Entsprechend stark sei der Wunsch chinesischer Eltern, auch wirklich regelmäßig mit ihren Kindern über das Internet zu kommunizieren. Laut Angaben der Kinder versuchen viele Eltern, ihre Erziehungsmaßnahmen über das Persönliche hinaus in sozialen Medien wie WeChat auszubauen und weiter durchzuführen. Demnach neigen die Eltern zu einer Helikopter-Erziehung und sähen WeChat als Tool, um die Online-Aktivitäten ihrer Kinder zu überprüfen. Weil sich viele Kinder aufgrund der Menge an zugesandten Informationen von ihren Eltern überfordert fühlen, herrscht in chinesischen Familien oftmals eine gewisse Online-Distanz der Kinder zu ihren Eltern [11, S. 149]. 

Erwartungen und Vorgaben der Eltern

Da die Bildung der Kinder für chinesische Eltern einen sehr hohen Stellenwert hat, sind diese gegenüber allem, was für die Kinder eine Ablenkung darstellt, eher negativ eingestellt – deshalb haben viele Eltern auch eine negative Sicht auf die Internetnutzung ihrer Kinder; unter anderem fürchten sie eine Abhängigkeit [11, S. 23]. Auch die Ein-Kind-Politik, unter der die Kinder der meisten Studien noch geboren wurden, sorgt dafür, dass Eltern an ihr einziges Kind höhere Erwartungen haben [8, S. 88]. Interessanterweise vertreten chinesische Schüler häufig eine ähnliche Meinung und bewerten das Internet und Social Media ebenfalls als Ablenkung beim Lernen [11, 23f.]. Daher ist es für diejenigen chinesischen Eltern, die sich für eine Kontrolle der Kinder bezüglich digitaler Geräte entscheiden, oft üblich, die Online-Aktivitäten und die Nutzungszeiten ihrer Kinder zu regulieren, bis sie zur Universität gehen [13]. Kinder-Tablets speziell für die Lernförderung werden demnach mehr wertgeschätzt und positiver gesehen als sonstige digitale Medien wie Smartphones, Computer oder normale Tablets. Für diese stellen Eltern jüngerer Kinder viel eher zeitliche und inhaltliche Regelungen auf als für kindergeeignete Lern-Tablets. 82,5 % der Eltern sagen, dass sie Apps für ihre Kinder herunterladen und 86,5 % überprüfen die Qualität der Apps, bevor sie ihren Kindern erlauben, sie zu benutzen. Jedoch geben, hauptsächlich aufgrund mangelnder Zeit, nur 38,1 % der Eltern an, ihr Kind im Familienalltag selten oder nie mit digitalen Geräten allein zu lassen. Wichtige Indikatoren für die elterliche Einstellung gegenüber bestimmten Medien und den dazu aufgestellten familiären Regelungen sind auch in China die Bildung der Eltern und das Familieneinkommen. Eltern mit höherem Einkommen und Bildungsgrad und Eltern aus gut entwickelten Regionen sind Smartphones und Tablets gegenüber eher positiv eingestellt. Allerdings glauben Eltern geringerer Bildung eher an den Bildungswert von Früherziehungs-Tablets. Kinder, deren Eltern einen hohen Bildungsabschluss aufweisen, besitzen oftmals gar kein Lern-Tablet in der Familie [8, S. 86]. 

Neben den aus Elternsicht negativen Effekten der Nutzung digitaler Geräte gelangen auch in China ungeeignete Inhalte an Kinder heran. Fast 16 % der 6- bis 18-Jährigen waren bereits Opfer von Cyber-Mobbing oder Belästigung im Netz. Mehr als 30 % gaben an, schädlichen Online-Inhalten im Zusammenhang mit Gewalt, Pornografie, Glücksspiel und Drogen begegnet zu sein [14]. Anstatt in so einem Fall jedoch das Gespräch mit den Eltern zu suchen, entscheiden sich viele chinesische Kinder gegen einen familiären Austausch. Bei den 13- bis 14-Jährigen nimmt der Wert der Eltern als Bezugsperson so stak ab, dass nur jedes dritte Kind nach einer Begegnung mit unangebrachten Informationen im Internet mit der Familie darüber spricht. Eher ziehen sie es vor, sich mit Gleichaltrigen auszutauschen (35 %), viele behalten solche Themen aber auch für sich (28 %) [5, S. 20f.]. Dieser Rückgang der Zuhörer-Elternrolle in chinesischen Familien ist auf zwei Gründe zurückzuführen: Die Autonomie der Kinder und die vielseitigen Fähigkeiten in der Nutzung digitaler Medien nehmen zu, und die Eltern achten weniger auf die Online-Risiken, denen ihre Kinder ausgesetzt sind, da sie sich hauptsächlich um die Bildung der Kinder sorgen [5, S. 22].

Obwohl chinesische Eltern die Risiken der Nutzung digitaler Medien zwar erkennen, finden sich in chinesischen Familien wenige konkrete, bedachte Regelungen bezüglich der Nutzungszeiten und der Medieninhalte. Beispielsweise überprüfen 62 % der Eltern Anwendungen nach der Installation auf dem Handy oder Tablet ihrer Kinder nie wieder [5, S. 21]. Diese teilweise fehlenden Regelungen lassen sich anhand der verschiedenen, unter chinesischen Eltern üblichen Erziehungsstile bezüglich digitaler Medien erklären. Die University of Hong Kong sprach hierfür im Jahr 2014 mit fast 1.600 Shanghaier Familien mit Kindern im Alter von 9 bis 17 Jahren und untersuchte, wie Eltern die Internetnutzung ihrer Kinder überwachen. Hier wurde festgestellt, dass eine exzessiv strenge Erziehung in chinesischen Familien eher ungewöhnlich ist. Um die Internetnutzung der Kinder einzudämmen, erziehen etwa 40 % der Eltern im autoritären Stil, der sich in zwei Arten aufteilen lässt. Erziehen die Eltern nach dem „warmen“ autoritären Stil, so setzen sie auf klare Anforderungen und hauptsächlich zeitliche Regeln, die das Kind konsistent einhalten muss [15]. Diese zeitlichen Einschränkungen innerhalb der Familie sind an Schultagen am strengsten; hier beschränkt die Mehrheit der Eltern die Online-Zeit auf einen Bereich von 30 Minuten bis zu einer Stunde. Am Wochenende und vor allem in den Schulferien werden die Einschränkungen etwas gelockert [3, S. 48]. Neben Autonomie vermitteln sie jedoch gleichzeitig Wärme, um verantwortungsvolles und unverantwortliches Online-Verhalten zu diskutieren und zu definieren. Auch durch gemeinsam verbrachte Zeit, beispielsweise beim gemeinsamen Spielen von Online-Spielen, möchten viele Eltern die Nutzung digitaler Medien zu einer Familienaktivität machen. Direkte Gründe für manch harte Einschränkungen erklären die Eltern jedoch meist nicht – letztendlich ist hier nur wichtig, dass das Kind gehorcht. Beim „kalten“ autoritären Erziehungsstil verzichten die Eltern auf familiäre Gespräche über digitale Themen, sondern entscheiden aus dem Bauch heraus, wann sie die Gerätenutzung der Kinder eindämmen und regulieren. Sie entscheiden beispielsweise in Sekundenschnelle, dass ihr Kind bereits zu lange am Tablet spielt und verlangen dann eine sofortige Abmeldung vom Gerät. Bei noch mehr Eltern (46 %) fließt jedoch ein toleranter, laissez-faire Erziehungsstil mit ein. Hier werden kaum Regeln für die Internetnutzung der Kinder festgelegt. Zudem neigen Eltern dazu, Konfrontationen darüber zu vermeiden [15].  

Doch auch ohne direkte familiäre Regelungen durch die Eltern herrschen im Familienalltag einige Einschränkungen in der Nutzung digitaler Medien, denn die striktesten Regelungen kommen vom chinesischen Staat. Aufgrund der immer weiter zunehmenden Anzahl an Kindern, die als Folge von hohem Medienkonsum Kurzsichtigkeit entwickeln, hat die chinesische Regierung Vorschriften für die digitale Spieleindustrie erlassen. Demnach müssen Spiele, die man sich als Apps auf digitalen Geräten wie dem Smartphone oder dem Tablet herunterladen kann, Maßnahmen für eine Vermeidung übermäßiger Nutzung von Kindern bieten. Viele Spiele schalten sich daher für Kinder nach einer gewissen Spielzeit automatisch ab. Auch müssen chinesische Spieler für die Registrierung bei solchen Spielen stets eine ID-Nummer angeben, damit die Systeme das Alter des Benutzers überprüfen können [13]. Auch Tencent, das Gründerunternehmen von WeChat, hat 2017 Maßnahmen entwickelt, um die Spielzeit für minderjährige Nutzer zu begrenzen – vor allem für das in China beliebte Fantasy-Rollenspiel Honor of Kings. Kinder unter 12 Jahren wird täglich nur eine Stunde Zugriff auf das Spiel gewährt, nach 21 Uhr können sie sich nicht mehr einloggen. Spieler im Alter von 12 bis 18 Jahren dürfen bis zu zwei Stunden pro Tag spielen. Diese Regulierungen führten jedoch zu einem Schwarzmarkt für „erwachsene“ Konten, mit denen Kinder dennoch grenzenlos spielen können. Daher testet das Unternehmen aktuell eine Gesichtserkennungssoftware, um das Alter der Spieler besser überprüfen zu können [16]. 

Inside China's High-Tech Dystopia

Video: Inside China’s High-Tech Dystopia.

Schulen

Auch an chinesischen Schulen werden oftmals strenge Regelungen vorgenommen, um das Kurzsichtigkeits-Risiko zu verringern. Daher ist es an vielen Schulen üblich, dass das Mitführen von eigenen Smartphones verboten ist. Darunter gibt es auch einige Extremfälle, wie beispielsweise die „Zero Cell Phone“-Initiative an einer Schule im südöstlichen Jiangxi. Hier werden Schüler zu Beginn des Schultags sogar am ganzen Körper mit Metalldetektoren untersucht – denjenigen, die dennoch ein Smartphone bei sich tragen, wird das Gerät entzogen und erst nach Ende der Schulprüfungen wieder an die Eltern ausgehändigt. Überwachungskameras auf dem gesamten Schulgelände unterstützen die Suche nach Kindern mit Smartphones zusätzlich [17]. Einige Schulen, unter anderem die Yongmao Middle School in Guiyang im Südwesten Chinas, ergreifen noch härtere Maßnahmen, wenn Schüler unerlaubt ihre mobilen Geräte mit zur Schule bringen. In vor Ort aufgenommenem Videomaterial, welches sowohl auf YouTube als auch auf Twitter um die Welt ging, ist ein Mann in Militärkleidung zu sehen, der mehrfach mit einem Hammer auf ein Smartphone schlägt. Vor der Zerstörung der Smartphones werden diese in Wasser getränkt. Während dutzende Schüler dem Mann schweigend zusehen, läuft aus Lautsprechern ein Voiceover, welches die Wichtigkeit der „Zero Tolerance“-Regelung der Schule gegenüber Smartphones betont. Eltern sollen dieser strengen Regelung und dem Zerstören der Smartphones zugestimmt haben [18]. Jedoch ist das Internet an sich an Chinas Schulen sehr präsent. In Übereinstimmung mit der Politik der chinesischen Regierung „National Strategy of Internet plus Education“ beinhalten die meisten Lehrpläne an chinesischen Grundschulen Fächer wie z.B. Informatik, um Kinder für die Nutzung des Internets zu begeistern. Darüber hinaus sind Lehrer in der Regel verpflichtet, Online-Chatrooms über Social-Media-Anwendungen zu erstellen, um Hausaufgaben zu vergeben, Klassenaktivitäten zu organisieren und mit den Eltern der Schüler zu kommunizieren. Und auch die Kinder nutzen häufig das Internet, um ihre Hausaufgaben zu erledigen [6]. 

Außerdem stechen die im chinesischen Klassenraum bereits vorhandenen neuen Technologien und die aktuell durchgeführten Experimente im Bereich der künstlichen Intelligenz hervor. Bereits im Jahr 2017 entwickelte der Staatsrat einen „Entwicklungsplan für Künstliche Intelligenz der neuen Generation“, in den bis 2030 umgerechnet 150 Milliarden US-Dollar investiert werden sollen. Seit Mai dieses Jahres ist Guangzhou die auserwählte Pilotregion für die schulische Arbeit mit künstlicher Intelligenz. In diesen Klassen erkennen nun Kamerasysteme und KI-gesteuerte Kopfbänder zur Erfassung der Gehirnwellen jedes Signal der Schüler – neben Aufmerksamkeitsspanne und Konzentrationslevel kann auch analysiert werden, wie sich der Schüler fühlt und wie oft er im Unterricht gähnt. Diese Daten werden dann in Echtzeit -- sowohl an die Lehrer als auch an die Eltern -- weitergeleitet. Außerdem erfasst das System per Face-ID die Gesichter zum Ausleihen von Büchern und zur automatischen Abbuchung des bestellten Essens in der Schulkantine. Auch das, was die Kinder letztendlich essen, wird sofort auf die Bildschirme der Eltern gesendet. Die Schulen und der Staatsrat erfahren bei diesem Einsatz der künstlichen Intelligenz wenig Kritik von Eltern, da die meisten es für in Ordnung halten, wenn sich dieses neue System positiv auf die Noten und die Lernbereitschaft der Kinder auswirkt. Und tatsächlich geben die Lehrer dieser Schulen an, die Schüler seien durch die stetige Überwachung aufmerksamer geworden, wodurch sie in Prüfungen besser abschneiden als zuvor. Die Tatsache, dass bei einer solchen Datenmenge keine Datensicherheit mehr gewährleistet werden kann und somit das Unwissen über die Weiterverwendung der Daten ihrer Kinder sind für Eltern also nur eine geringe Sorge – solange die Einzelleistung des Kindes davon profitiert [67, 68]. 

Quellen

[1] „China Internet Users Snapshot 2019“.

[2] M.-C. Cheung, „„China Time Spent with Media 2019: For the First
Time, Adults Will Spend Half of Their Daily Media Time Online“.

[3] „Digital Children in China Whitepaper: Turning Invisible Power
into Visible Brand Growth“. Wavemaker, Beijing, Februar 2019.

[4] C. Samson, „Children in China Use Social Media,
Messaging Apps By Age 3, Survey Finds“.

[5] H. Zhang, „Digital Literacy and Growth of Children in Urban China in the
New Media Age“. Children’s Media Literacy Education Research Center
of the China National Youth Palace Association, Guangzhou, Nov. 2016.

[6] W. Qing, „Don’t give up eating for fear of choking: Chinese parents and their views about children’s internet use: What are Chinese children doing online? Is the internet bringing children into an adult world too soon?“.  

[7] D. D’Orazio, „China officially ends ban on video game consoles“.

[8] H. Gou & M. Dezuanni, „Towards understanding young children’s digital
lives in China and Australia“, Media Education Research Journal, 2018.  

[9] S. Ye & et al., „Correlates of screen time among 8–19-year-old students in China“.  

[10] „Education System in China“.

[11] S. Chen, „Face, Social Ties and Positive Energy: An Analysis of Young
Chinese WeChat Users‘ Reflections on mediated Social Relations“.
University of Leicester, Leicester, 2018.  

[12] K. Xue & M. Yu, „New Media and Chinese Society“. Springer, 2017. 

[13] K. Flaherty & K. Moran, „Children’s Exposure to
Digital Technology Causes Parental Anxiety“.  

[14] Yurou, „Over 90 percent Chinese Minors access Internet: Survey“.

[15] W. Yu-Cheung, „China’s Dictatorial Parents Won’t Cure Their Kids’
Web Addiction: Authoritative — not authoritarian — parenting styles
strike the right balance in restricting children’s internet time“.  

[16] A. Hassan, „A Chinese game will use facial
recognition to stop kids from playing too long“.

[17] K. Cheng, „Chinese school launches ‚mobile phone ban‘ as video shows
teachers carrying out full-body scans on pupils with metal detectors“.

[18] „China school smashes phones to stop students from using them“.

[19] C. Tai, href=“https://youtu.be/JMLsHI8aV0g“>“How China Is Using Artificial Intelligence in Classrooms“. WSJ.

[20] Wenn Kameras jede Gesichtsregung auswerten“.

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