Ereignishorizont Digitalisierung - Medienaneignung

Entwicklungsstufen einer mediatisierten Kindheit

Aufwachsen heißt heute Aufwachsen mit Medien.“ [1, S. 16] Die Mediatisierung des familiären Alltags macht es für in der heutigen Zeit aufwachsende Kinder ganz selbstverständlich, vom ersten Lebenstag an und die gesamte Kindheit über mit digitalen Medien in Kontakt zu treten. Wie entwickeln und erlernen Kinder medienbezogene Fähigkeiten in der Familie und welche Rolle spielen die Eltern?

Die nachfolgende Abbildung soll die Medienaneignung in verschiedenen Schritten bzw. Stationen bis hin zur Volljährigkeit beschreiben. Bestimmte Wahrnehmungen und Interaktionen mit digitalen Medien geschehen zu unterschiedlichen Entwicklungsstufen der Kinder. Dies soll im Zusammenhang mit der Elternrolle anschaulich dargestellt und im Folgenden näher erläutert werden. 

Abbildung: Medienaneignung bei Digital Natives.

Stufe 1 – Medien registrieren

Da bei „Digital Natives“ digitale Medien von der Geburt an vorhanden sind und im Umfeld genutzt werden, werden diese aufgrund dieser Alltagspräsenz bereits früh wahrgenommen. Schon im Säuglingsalter lassen sich Reaktionen auf Bilder und Lautsprechergeräusche wie Musik oder Stimmen aus Smartphone, Tablet und TV feststellen [2, S. 41]. In diesem Alter registrieren die Säuglinge dies jedoch lediglich als optische und akustische Reizquellen von Licht und Geräuschen [2, S. 41, 8, S. 30]. Da die Kinder hier im Familienalltag ausschließlich Eltern und/oder Geschwister bei der Nutzung der Geräte und Medien erleben und selbst nicht aktiv daran teilhaben, spricht man von einem fremdbestimmten Kontakt der Säuglinge zu den Medien [3, S. 30]. Bereits in dieser Entwicklungsstufe nehmen Eltern demnach eine wichtige Rolle als Bezugsperson ein, da ihr mediales Verhalten genau beobachtet wird und dies zudem den Grundstein für die Haltung und Einstellung der Kinder gegenüber digitalen Medien legt [3, S. 31]. 

How the iPad affects young children, and what we can do about it: Lisa Guernsey at TEDxMidAtlantic

Video: How the iPad affects young children, and what we can do about it.

Stufe 2 – Medien entdecken

Vor allem im Kleinkindalter weist die Nutzungsweise verschiedener Medien der Eltern hohe Relevanz für das Kind auf, da hier Verhaltensweisen konkret adaptiert und imitiert werden. Nach dem ersten Lebensjahr beginnen Kleinkinder, ihre Umwelt von sich und ihren Bezugspersonen unterscheiden zu können, wodurch sich ihre Aufmerksamkeit konkret auf bestimmte Medien richten lässt [4, S. 2]. Erstes Medienhandeln kann in Form von Betasten und Hantieren der im Haushalt vorhandenen Medien durch Wischen, Klicken und Tappen beobachtet werden. In dieser Entwicklungsstufe ahmen die Kleinkinder jedoch lediglich unbewusst die Handlungen ihrer Bezugspersonen nach – das tatsächliche Erkennen der Handlungsauswirkungen erfolgt bis zum Ende des zweiten Lebensjahres noch nicht. Im Vordergrund steht also das Entdecken der Medien und das praktische Handeln in Interaktion mit den Eltern [5, 41f., 3, 31f.]. 

Stufe 3 – Alltagsintegration der Medien

Der konkrete Inhalt und die Funktionen neuer Medien werden ab dem Kindergartenalter immer mehr von Interesse. Aufgrund des stetig wachsenden medialen Verständnisses werden digitale Medien verstärkt zur Freizeitbeschäftigung des Kindes. Meist weitet sich in diesem Alter aufgrund von Kindergarten- bzw. Kitabesuch der Sozialraum des Kindes, der einst hauptsächlich aus Eltern und Geschwistern bestand, aus. Der hier aufkommende Wunsch nach mehr Selbstständigkeit äußert sich unter anderem darin, dass das Kind sich, auch durch Interaktion mit anderen Kindern, seinen eigenen Wünschen, Gefühlen und Bedürfnissen immer deutlicher bewusst wird. So verlangt es ab ungefähr dem vierten Lebensjahr beispielsweise bereits bestimmte Fernsehsendungen, da sich diese zu Vorlieben entwickelt haben. Da jedoch bis zum sechsten Lebensjahr der Fokus beim Interagieren mit neuen Medien stets auf dem „Moment“ bzw. auf den am stärksten einprägsamen Elementen liegt und komplexere Handlungsabläufe und Beziehungen noch nicht nachvollziehbar sind, übernehmen Eltern eine Art „Übersetzerrolle“. Das fehlende Verständnis für komplexere Inhalte und die gleichzeitig vorhandene Neugier lässt das Kind bei der Mediennutzung im Familienalltag vieles erfragen, worauf Eltern als Bezugspersonen diese medialen Eindrücke kindgerecht einordnen, bewerten und wiedergeben [6, 3f.]. Da Kinder in dieser Entwicklungsstufe äußerst selten selbst digitale Geräte besitzen (PC bzw. Laptopbesitz 0,2%, Tabletbesitz 1,5% und Smartphonebesitz 0,7%) [7], sind Eltern hier nicht nur die Bereitsteller der Geräte, sondern überwachen und begleiten das Kind im Alltag bei der Nutzung digitaler Medien [6, S. 4]. 

TEDxRainier – Dimitri Christakis – Media and Children

Video: Dimitri Christakis – Media and Children.

Stufe 4 – Sich mit Medien artikulieren

Ungefähr ab dem Grundschulalter beginnt ein Kind aufgrund der sich mit dem Schulbesuch entwickelnden Lese-, Rechen- und Schreibfähigkeiten immer selbstständiger, mit digitalen Medien umzugehen [3, S. 32]. Die hier angeeigneten komplexen Kompetenzen und das verlangte logische Denken sind wichtige Indikatoren für die Entwicklung hin zum Verständnis tiefergehender Inhalte. Im Familienalltag ist es dem Kind zunehmend wichtig, die im Haushalt vorhandenen technischen Geräte ohne Hilfestellung oder Kontrolle der Eltern nutzen zu können. Neben speziellen Angeboten für Kinder, wie beispielsweise die deutsche Internet-Suchmaschine blinde-kuh.de oder der Fernsehsender KI.KA, zählen im Grundschulalter jedoch vermehrt auch bereits Suchmaschinen wie Google, die Plattform YouTube und digitale Spiele zum Interessengebiet des Kindes [4, 4f.]. 

Stufe 5 – Medienwelten selbst ausgestalten

Aufgrund des zunehmenden Desinteresses an der Nutzung des Fernsehers und der damit einhergehenden Interessenssteigerung an Smartphones, Tablets und dem Internet steigt der Wunsch nach einer freien und unabhängigen Mediennutzung ab ungefähr dem zehnten Lebensjahr stark an. Hier geht die Nutzung von „Familiengeräten“ bzw. bereitgestellten Geräten aus dem Besitz der Eltern vermehrt in den Besitz eigener technischer Geräte über [4, S. 5]. Ein eigenes Smartphone, welches sich in dieser Entwicklungsstufe zum „Top-Gerät“ entpuppt, besaßen dieses Jahr bereits 75 % aller 10- bis 11-jährigen und 95 % aller 12- bis 13-jährigen deutschen Kinder und Jugendlichen [8]. Mit dem Übergang ins Jugendlichenalter erfolgt zudem eine bewusste Abgrenzung der Art und Weise der Mediennutzung gegenüber den Eltern. In der Familie aufgestellte Regeln und Verbote werden oftmals umgangen, um digitale Geräte und Dienste auch über die erlaubte Zeit hinweg nutzen zu können. Auch überschreitet das Wissen im Umgang mit digitalen Medien in diesem Alter häufig bereits das der Eltern. Geräte, Apps und Spiele werden mit steigender Selbstständigkeit und mit steigendem Verständnis für komplexe Inhalte genutzt. Die Vertrautheit mit sozialen Netzwerken, digitalen Spielen und verschiedensten Applikationen wird im Alter von 10 bis 14 Jahren enorm ausgeweitet – hier liegt der Fokus neben Spaß und Unterhaltung auch vermehrt auf Information, Austausch und Vernetzung [4, S. 5]. 

Stufe 6 – Partizipiertes, aktives Mediennutzen

Bis hin zum Erreichen der Volljährigkeit stellt das Internet mit seinen vielzähligen Angeboten und Geschäftsmodellen sowohl eine riesige Spielwiese als auch einen scheinbar unendlichen Informations-Pool an Wissen für Jugendliche dar. Vor allem soziale Netzwerke bieten in dieser Entwicklungsstufe viele Möglichkeiten zur Ausgestaltung eines eigenen Handlungsraums und zum Austausch mit Peergroups.  

Quellen

[1] H. Theunert, “Medienaneignung in frühen Stadien der Kindheit: Die Förderung von Medienkompetenz kann früh beginnen”. KONTEXT – Kinder & digitale Medien, 2013.

[2] M. Hackl, „Neue Medien im Kindergarten: Die Bedeutung von Medienkompetenz in der frühkindlichen Entwicklung„. Saarbrücken: AV Akademikerverlag, 2015. 

[3] M. Lepold & M. Ullmann, „Digitale Medien in der Kita: Alltagsintegrierte Medienbildung in der pädagogischen Praxis“. Freiburg, Basel, Wien: Herder, 2018.

[4] D. Hajok, “Medienbezogene Fähigkeiten und Vorlieben: Ein Überblick zum altersspezifischen Schutzbedarf von Kindern und Jugendlichen”. Februar 2015.

[5] A. Schumacher, W. Sihn & S. Erol, “Automation, digitization and digitalization and their implications for manufacturing processes”. Conference Paper, Fraunhofer Austria Research, University of Technology Vienna, Wien, 2016.

[6] D. Günther-Schmidt, “Innovative Anwendungen der Digitalisierung im Gesundheitswesen”. Masterarbeit, Hochschule Mittweida, Mannheim, 2016. 

[7] F. Balda, „Welche der folgenden elektronischen Geräte besitzt Du?[Online]

[8] F. Tenzer, „Smartphone-Besitz bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland im Jahr 2019 nach Altersgruppe“ [Online]

Geschrieben von

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *