Ereignishorizont Digitalisierung - Europa

Europa und die Digitalisierung: ALL IS LOST! Oder?

Die Digitalisierung überrennt unsere Gesellschaft, Unternehmen, aber auch jeden Einzelnen von uns mit unvorstellbarer Dynamik und Wucht. Technologischer Fortschritt ist kaum mehr (be)greifbar – und gleichzeitig nie wieder so langsam wie heute! Dabei verliert Europa zunehmend den Anschluss, während in den USA und in China unnachgiebig technologische Standards gesetzt werden. ICH BIN ÜBERZEUGT: Europa verspielt aktuell seine digitale Zukunft und Innovationskraft – und dies mit einer Vehemenz, die mich fassungslos macht. 

Europa wird zum GETRIEBENEN

Roboter, Künstliche Intelligenz und Algorithmen verändern unser Leben radikal! Wie radikal, ist vielen von uns immer noch nicht bewusst! Wir Menschen neigen dazu, kurzfristige Veränderungen zu überschätzen und langfristige Veränderungen zu unterschätzen. Doch sind es gerade die langfristig durch die Digitalisierung ausgelösten ökonomischen und gesellschaftspolitischen Veränderungen, die uns Menschen neuartige Denkweisen aufzwingen und abverlangen, die uns aber auch nie gekannte Chancen eröffnen.

Chancen, die uns Europäern derzeit allerdings wie feiner Sand durch die Finger rinnen. Ja – wir digitalisieren unsere Unternehmen und unsere Gesellschaft. Das tun wir schon. Irgendwie zumindest. Das Digitalisierung kein Schnupfen ist (um die schöne Metapher von Ossi Urchs zu bemühen), also nicht mehr weg geht, haben wir verstanden zwischenzeitlich. Was mir Kopfschmerzen bereitet ist etwas ganz anderes: Die Digitalisierung in Europa ist mit regulatorischen Rahmenbedingungen und politischen Diskussionen und Entscheidungen konfrontiert, die Europa vom Rest der Welt abhängen

Was meine ich? 

Autobauer können ihre autonom fahrenden Fahrzeuge nicht in Europa testen, sondern müssen in die USA oder nach Asien ausweichen. Datengetriebene Geschäftsmodelle, z. B. in der Gesundheitsbranche, laufen bei uns ins Leere und oft genug in panische, dogmatische Datenschutzdiskussionen. 500 Millionen Euro statt zunächst geplant 3 Milliarden) will die Bundesregierung bis 2025 in die Künstliche Intelligenz investieren. Zum Vergleich: Im vergangenen Juli beschloss der Staatsrat der Volksrepublik China offiziell: Das Land soll bis 2030 führende KI-Macht der Welt werden, mit Investitionen von 130 Milliarden Euro.

Finden Sie den Fehler! 

NATÜRLICH: 

Die genannten Entwicklungen müssen per se erstmal nicht schlecht sein. Sollen doch die autonom fahrenden Autos erstmal in Amerika Unfälle bauen. Es ist völlig OK, wenn wir mit Gesundheitsdaten vorsichtig umgehen und für jeden Schritt nach vorne sofort wieder zwei Schritte zurück gehen. Und auch drei Milliarden Euro sind eine stattliche Summe Geld. 

Um eine solche Bewertung geht es mir aber nicht! 

Ich beobachte, dass Europa in der Digitalisierung schon heute nicht mehr proaktiver Gestalter ist, sondern zunehmend und unnachgiebig zum Getriebenen wird. Das ist in der Digitalisierung ein wenig wie beim Diesel. Wir Europäer, speziell wir Deutschen, diskutieren uns geradezu tot über Feinstaub und Stickoxide, die Aufstellorte von Messstationen und korrekte oder nicht-korrekte Aussagen von Lungenärzten, während überall anders, v. a. in den USA und in China, längst harte Fakten geschaffen werden. Alles gut! Alles nachvollziehbar! Am Ende ist es völlig EGAL wer recht hat: Der Diesel ist tot! Mausetot! Ob uns das gefällt oder nicht! Ob das sinnvoll ist oder nicht!

Und dann – ja und dann kommt dazu, dass wir Europäer uns selbst ins Knie schießen:

Die DSGVO als Leichentuch europäischer Digitalinnovation? 

Die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), so wie sie jetzt geschrieben ist, bürdet auch kleinen und kleinsten Unternehmen überbordende Dokumentationspflichten auf und ist in ihrer Anwendung selbst Datenschützern oft noch unklar! Fragen Sie drei Datenschützer zu einem x-beliebigen Datenschutzthema und Sie erhalten vier unterschiedliche Antworten. Rechtssicherheit sieht anders aus! Tatsächlich zanken sich Experten in Diskussionen zwischenzeitlich um die Bedeutung einzelner Worte in der DSGVO. Dazu grätschen von der Seitenlinie aus plötzlich Behörden dazwischen, die eigentlich ganz andere Themen beackern sollten, z. B. die Einhaltung wettbewerbsrechtlicher Rahmenbedingungen. 

Verstehen Sie mich nicht falsch! 

Datenschutz ist wichtig! Extrem wichtig! 

Und bedarf unbedingt, also nochmals, UNBEDINGT (!!!) einer gesetzlichen Regelung! 

EIGENTLICH ist die DSGVO ein mehr als notwendiges Gesetz! 

Sie ist halt grottenschlecht umgesetzt!

Weil man – wie so oft bei uns in Europa – zu viel wollte!  

Der Kardinalsfehler meiner Meinung: 

Im Ergebnis werden durch die DSGVO gerade die vor allem zu kontrollierenden großen und größten Unternehmen und Konzerne weitestgehend ignoriert („die Kollegen der zuständigen irischen Datenschutzaufsicht kümmern sich ja!“), während kleine und mittelständische Betriebe mit unverhältnismäßigen bürokratischen Hürden und Vorgaben gegängelt werden. Anders gesagt: Die kommerziellen Größen des Internets (also Google, Facebook, Microsoft und Co.) bleiben von Regulierung nahezu unberührt bzw. ziehen anhängige Verfahren über 10 Jahre durch sämtliche Instanzen, während kleine und mittelständische Unternehmen – da leichter zu greifen – die Suppe im Wesentlichen auslöffeln müssen und bluten. Selbst der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber hat das erkannt und sagt zwischenzeitlich: „Auf der anderen Seite müssen wir die Kritik an einer wenig zielgerichteten Bürokratisierung ernst nehmen und genau hinschauen, an welchen Stellen die DSGVO entschlackt werden kann, ohne dabei den Datenschutz zu schwächen.

Die Forderung, dass die Zivilgesellschaft weiter aktiv bleiben muss und dass Datenschutz ja „nur“ gelebt und weiterentwickelt werden muss, finde ich persönlich irgendwie zu kurz gegriffen. Verstehe ich das richtig? Die EU erlässt ein Gesetz, eine eierlegende Wollmilchsau, in diesem Fall die DSGVO, und dann schiebt man angesichts einer schwierigen Durchsetzung und Durchsetzbarkeit die Umsetzung auf die Zivilgesellschaft? Das ist ein bisschen wie mit der Straßenverkehrsordnung. Es funktioniert leidlich (ja, wir halten zumeist an roten Ampeln), aber nicht wirklich überzeugend (wovon die millionenfachen Verkehrsregelverstöße in unserer Zivilgesellschaft jeden Tag zeugen). 

Schon heute ist es doch so, dass die „Rechtsgrundlage“ DSGVO eigentlich genau das Gegenteil des angestrebten hehren Ziels bewirkt: Immer mehr Menschen schütteln nur mehr den Kopf und fragen sich, was schiefläuft. So empfinde ich es zumindest! „Datenschutz ist geil und die DSGVO ist richtig und wichtig!“ höre ich von normalen Bürgern nie. Dem in einer digitalisierten Welt so grundlegend wichtigen Datenschutz wird dadurch ein echter Bärendienst erwiesen. 

Leistungsschutzrecht und Upload-Filter

Auch das neue EU-Urheberrecht mit Leistungsschutzrecht und Upload-Filtern ist ein typisches Beispiel einer fehlgeleiteten europäischen Digitalpolitik. Was besagt die Vorgabe: Internetplattformen müssen jedes von Nutzern hochgeladene Bild, jede Tonaufnahme und jedes Video VOR der Veröffentlichung prüfen. Das gilt für alle Webseiten und Apps, die von Nutzern erzeugte Inhalte anbieten. Technologisch umsetzen lässt sich diese Verpflichtung angesichts hunderter Millionen Fotos und Videos, die jeden Tag auf Plattformen wie Facebook hochgeladen werden, nur mit Filtern. Diese sind wiederum für kleine Plattformen teuer und schwer umsetzbar. Bei großen Plattformen ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass viele Inhalte auch fälschlicherweise aus dem Netz getilgt werden. Das Ergebnis: Die Interessen einiger weniger und sowieso dem Untergang geweihter, weil nicht digitalfähiger Verlage werden über die kreative Schaffenskraft von Millionen Nutzern gestellt. Ich glaube nicht, dass vielen Politikern des Europäischen Parlaments das klar ist!    

Das Versagen der Politik

Gerade die Politik im Allgemeinenund die Parteien im Speziellen versagen gerade im Kontext Digitalisierung auf ganzer Linie. Zwar überbieten sich Parteien zwischenzeitlich mit spektakulären Digital-Initiativen. Legendär sind ja zwischenzeitlich die Aussagen der Parlamentarischen Staatssekretärin im Bundesverkehrsministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, Dorothee Bär (CSU), zu Flugtaxis. Dumm nur, dass in Europa viel zu wenig über die entscheidenden Fragestellungen der Digitalisierung diskutiert wird!

Worüber diskutiert wird ist die Infrastruktur. OK – ja – das mag auch berechtigt sein! Gerade in Deutschland ist die vorhandene Infrastruktur ja gefühlt noch nicht weiter als zu Zeiten des berittenen Meldewesens der Römer. Ja – Gewerbegebiete und zu viele Privathäuser sind noch viel zu wenig an leistungsfähige Glasfaser-Infrastruktur angeschlossen. Selbst entlang von Bundesstraßen und Autobahnen ist der Mobilfunk so abgrundtief scheiße, dass selbst unser Wirtschaftsminister Peter Altmaier im Auto aus Scham nicht mehr mit Amtskollegen verbunden werden will

Das hat aber, wenn überhaupt, nur am Rande mit Digitalisierung zu tun!

Das ist, wenn überhaupt, nur ein Randthema.

Ganz ehrlich – selbst im tiefsten Skandinavien – gibt es überall LTE und 3G.

Thats no fucking problem! Das MÜSSEN wir hinbekommen! Ohne große Diskussion!

(*** allein ich habe Zweifel!)

Worüber müssen wir stattdessen reden?

Worüber irritierenderweise kaum diskutiert wird sind Fragen und Herausforderungen wie: 

  • Wie fördern wir digitale Innovationen und Geschäftsmodelle kurzfristig UND nachhaltig? 
  • Was ist uns digitale Innovation wirklich wert? 
  • Wie schaffen wir regulatorische Rahmenbedingungen, die sowohl die Rechte von Menschen als auch die Innovationskraft von kleinen und mittelständischen Unternehmen konsequent gleichermaßen schützen? Vor allem vor der digitalen Übermacht von hemmungslos und nahezu unkontrolliert agierenden globalen Großkonzernen. 

  • Was können wir wie der Marktmacht internationaler Großkonzerne wirkungsvoll entgegensetzen? Wie können wir Google und Konsorten kontrollieren?  

  • Wie verankern wir Digitalisierung als tragende Zukunftssäule in unserem Staatswesen – jenseits von parlamentarischen Staatssekretären oder Staatssekretärinnen?

  • Wie helfen wir kleinen und mittelständischen Unternehmen bei der Digitalisierung?
  • Was bringen wir unseren Kindern bei, damit diese in der Digitalisierung bestehen können?

Viele europäische und deutsche Parteien bekleckern sich nicht gerade mit Ruhm was diese Fragestellungen anbelangt. Der Grund ist offensichtlich: Zu viele Politiker gehören einer Generation an, die mit dem Internet und moderner Informationstechnik kaum etwas anfangen können. Das heißt nicht, dass alle Politiker nur mehr 21 Jahre sein sollten. Es leuchtet ja schon auch ein, dass es etwas Lebenserfahrung benötigt, um Gesellschaften als Ganzes zu managen. Aber wenn sich in Deutschland, dem Land mit der weltweit drittältesten Bevölkerung, nur Ü50-Politiker um die Digitalisierung kümmern, dann wird das schwierig. 

Zukunftsgefährdende Bildungspolitik

Ich finde, dass auch die in Europa und gerade in Deutschland vorherrschende Bildungspolitik kaum zu den Anforderungen einer sich digitalisierenden Gesellschaft passt

Viele Berufsbilder wird es schon in wenigen Jahren nicht mehr geben. Auch Berufsbilder von denen wir typischerweise annehmen, dass diese nicht gefährdet sind! Ein Beispiel sind Lehrer, aber auch Professoren an Hochschulen. Um Erstsemestern eine Programmiersprache, betriebswirtschaftliche Grundlagen oder Statistik beizubringen braucht es nicht wirklich einen Professor. Gut durchdachte und intelligente digitale Assistenten können das genauso.

Viele „überlebende“ Berufsbilder werden sich grundlegend ändern und andere Fähigkeiten von uns Menschen abverlangenStrukturiertes und analytisches Denken zum Beispiel. Aber auch Kreativität und unkonventionelles Denken. Schließlich wird auch Wissen zu komplexen Sachverhalten, z. B. zu komplexen Abläufen in einer Produktion, extrem gefragt sein (und damit Berufserfahrung; gut für die „alten Hasen“, schwierig für die „jungen Wilden“!).

Ich will sagen: 

Bedingt durch die sich ändernden Anforderungen an Arbeit und Berufsbilder ist es notwendig, dass humanistische Bildungsprinzip zu hinterfragen. Die Kernfrage: Bereiten die Prinzipien Werner von Humboldts junge Menschen heute und zukünftig auf das vor, was die Jobs der Zukunft verlangen? Ich bin mir da – auch als Vater dreier Kinder – nicht sicher! 

Unser Schulsystem ist Mist! | Harald Lesch

Video: Unser Schulsystem ist Mist! | Harald Lesch.

Humanistische Bildung bezeichnet ein Bildungskonzept, das die „Menschwerdung des Menschen“ durch eine umfassende Persönlichkeitsbildung in vielen unterschiedlichen Bereichen (Sprachen, Naturwissenschaften, Bildende Künste, Musik, Sport) forciert. Das klingt erstmal plausibel und gut! Die Herausforderung liegt allerdings nun darin begründet, dass die „Menschwerdung des Menschen“ im Zeitalter der Digitalisierung an vielen Stellen völlig anders verläuft als bisher. Beispiel „strukturiertes und analytisches Denken“ (siehe oben): Um dies zu fördern kommt der Mathematik und der Informatik eine Schlüsselrolle zu. Also: Mehr Mathematik! Mehr Informatik! Beispiel „Kreativität“: Dies würde bedeuten – mehr Bildende Kunst! Mehr Musik! Andere Fähigkeiten einer klassischen humanistischen Bildung verlieren dagegen an Bedeutung: Ein Beispiel ist das Erlernen von Sprachen – in der humanistischen Bildung eine zentrale Forderung. Vielleicht ist die Beherrschung von Sprachen zukünftig gar nicht mehr notwendig! So arbeiteten verschiedene Unternehmen schon heute an Tools für eine Echtzeitübersetzung fremder Sprachen. Warum dann noch Sprachen lernen?

Fazit

Manches des Geschriebenen mag überspitzt sein. Und auch verkürzt. Und selektiv! Ja sogar Digitalisierungspopulismus vielleicht! Vieles ist tatsächlich komplizierter als es auf den ersten Blick scheint. Trotzdem bin ich als Informatiker, als Hochschullehrer und als Vater mehr als skeptisch, ob sich das alles in die richtige Richtung entwickelt. So wie es jetzt läuft werden wir Europäer in der Digitalisierung verlieren. Das wird ein ganz böses Erwachen. 

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