Ereignishorizont Digitalisierung - Digitalität

Digitalität: ONline/OFFline leben

Neben dem zumeist auf technische Innovationen abzielenden Begriff der Digitalisierung wird seit einigen Jahren intensiv über den Begriff der Digitalität diskutiert, v. a. und interessanterweise in den Kultur- und Geisteswissenschaften

Was bedeutet Digitalität? 

Auf Wikipedia heißt es: „Der Begriff Digitalität ist eine Wortschöpfung aus Digital und Materialität/Realität. Digitalität […] meint vornehmlich die Vernetzung von „digitalen“ und „analogen“ Wirklichkeiten.“ Digitalität ist also digital-analoge Vernetzung, die Verknüpfung von Online- und Offline-Welt in unserem Leben. 

Aus der Digitalität ergibt sich die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen (auch gesellschaftspolitischen) Auseinandersetzung mit den gravierenden Folgen, den Risiken, aber auch den Risiken einer rasant voranschreitenden technischen Digitalisierung für den Menschen und unser menschliches Zusammenleben

Kommunikation ändert sich!

Eine typische Herausforderung der Digitalität ist die Veränderung der zwischenmenschlichen Kommunikation, die immer weniger Face-to-Face, immer mehr digital erfolgt. Dazu Cornelia Bruell in einem Interview mit philoskop.de: Es „fällt die Schranke des Respekts. Byung-Chul Han bezeichnet den neuen Menschen (den homo digitalis) einen „anonymen Jemand“. Wir sind „jemand“, weil wir etwas sagen können/dürfen und uns damit sichtbar machen; uns in zumindest dieser speziellen Welt verorten. Gleichzeitig vermittelt die Kälte und Unfassbarkeit des Mediums eine Anonymität, weil ich nicht unmittelbar, in Fleisch und Blut einem anderen konkreten Menschen gegenüber stehe. Der möglichen Reaktion wird damit Brisanz und Unmittelbarkeit genommen. Dadurch fühlen sich viele sicher und artikulieren auf eine Art und Weise, die von Angesicht zu Angesicht völlig ausgeschlossen wäre (hate speech).

Besonders gut zu beobachten ist die fehlende Schranke des Respekts in den sozialen Medien. Digitale soziale Medien haben unsere Meinungsbildung disruptiv, maximal brachial und nachhaltig verändert. Wirklich selten zum Guten. Sehr häufig zum Schlechten und Unmenschlichen. Ursache ist das Funktionsprinzip sozialer Medien, die den impulsiven und rohen Teil unseres menschlichen Gehirns ansprechen, den Teil, der Dingen Aufmerksamkeit schenkt, die unser Verstand normalerweise ignoriert: Katzenvideos, lustige Memes, aber eben auch Hass, rassistische Ansichten und öffentliche Bloßstellung.

Arbeit ändert sich!

Es ist nicht die Kommunikation die sich ändert. In der Digitalität ändern sich auch die Berufsbilder und Jobprofile von hunderten Millionen von Menschen. Vorbei sind die Zeiten in denen allein die Automatisierung der Industrieproduktion diskutiert wurde. Viele Berufsbilder wird es schon in wenigen Jahren nicht mehr geben. Berufsbilder fallen aber nicht nur weg! Viele „überlebende“ Berufsbilder verändern sich und verlangen uns Menschen völlig andere Fähigkeiten ab, z. B. mathematisches, algorithmisches Denken, aber auch Kreativität.

Prof. Dr. Gunter Dueck GENIALER VORTRAG zum Thema ARBEIT 4.0

Video: Prof. Dr. Gunter Dueck – Vortrag zum Thema Arbeit 4.0.

Menschliches Zusammenleben ändert sich!

Natürlich ändert sich das menschliche Zusammenleben jenseits von Kommunikation und Arbeit. 

Als ich jung war, also in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren, da gab es keine Smartphones oder Tablets. Zwar war mein erster PC schon ein Pentium 133 (geile Kiste!), aber dieser war im Grunde nur Spielkonsole. Digitalisierung war damals, wenn überhaupt, nur in ihren ersten zarten Anfängen spürbar und erlebbar. Wir haben tatsächlich ferngesehen. Also linear. Um 16.10 Uhr kam Star Trek Next Generation im ZDF. Um 20 Uhr gab es die Tagesschau. Um 20.15 Uhr begannen Film oder Serie! Nix on-demand. Nix Netflix. Wir hatten keine E-Book-Reader und unsere Musik (also CDs) konnten wir anfassen und auf Stereoanlagen angehören. Bildschirme waren vergleichsweise klein und konnten nicht mit bloßen Händen oder Wischbewegungen bedient werden. Auch soziale Medien oder Apps waren unbekannt. 

Das krasse: So lange ist das alles gar nicht her! 

Ich bin heute 40. Und beobachte bereits an mir selbst, wie ich nicht mehr alles verstehe und nachvollziehen kann, was so passiert. Obwohl ich mich jeden einzelnen Tag damit auseinandersetze. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie schwierig es ist, mit 50 oder 60 oder 70 mit Digitalisierung und Digitalität umzugehen. Echtes Neuland! 

Technologischer Fortschritt ist heute kaum mehr (be)greifbar – und gleichzeitig nie wieder so langsam wie heute! Die Digitalität MUSS dementsprechend im gleichen Tempo rennen. Das ist schwierig, denn Menschen neigen dazu, kurzfristige Veränderungen zu überschätzen und mittel- und langfristige Veränderungen zu unterschätzen. Doch sind es gerade die durch die Digitalisierung ausgelösten mittel- und langfristigen Schockwellen, die Menschen völlig neuartige Denkweisen und Veränderungsprozesse abverlangen.   

Viele werden abgehängt! 

Digitalität stellt viele Menschen vor riesige Herausforderungen. Viele Studien zeigen, dass Menschen aller gesellschaftlicher Schichten und jeden Alters daran zweifeln, selbst die erforderlichen Kompetenzen zu haben, um die Digitalisierung und die resultierende Digitalität zu meistern. Auch das Vertrauen in die das Land führenden Eliten ist dabei alles andere als überzeugend. So zeigt eine aktuelle Studie des Vodafone Instituts für Gesellschaft und Kommunikation: 44 Prozent der befragten Menschen glauben, dass die Regierung zwar den Willen hat, die Digitalisierung voranzubringen. Dass sie dafür auch die Fähigkeit besitzt, denken allerdings nur 37 Prozent. Die wenig überraschende Konsequenz: Viele Menschen sehen die Digitalisierung äußerst skeptisch, ja sehen sich sogar von ihr bedroht und haben Angst vor ihrDigitalität wird somit bei immer mehr Menschen zum kritischen, zunehmend abgelehnten Lebenskonzept.   

Es ist nicht allein Aufgabe der Politik und der Informatik hier Antworten zu liefern. Eine besondere Verantwortung haben hier gerade die Kultur- und Geisteswissenschaften, die ja den spannenden Begriff der Digitalität ersonnen haben! Und dies zeitnah, wissenschaftlich basiert, aber auch für Nicht-Wissenschaftler nachvollziehbar, verständlich und anwendbar! 

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